Das Lumpenhaus

„Ich geh zu de Lumbe“, sagt Manfred K. immer, wenn er das alte Fabrikgebäude am Rande des Städtchens besucht. Er hatte es vor Jahren umbauen und in Einzimmer-Apartments aufteilen lassen, die er vermietet. Mir scheint seine Bezeichnung der Bewohner immer recht unangemessen und vorurteilsbehaftet. Bis er mich damit beauftragt, einen neuen Mieter für eines der Apartments zu suchen. Denn Klaus F. und seine Freundin, die es bewohnen, haben eine größere Bleibe gefunden, wie sie mir stolz verkünden.

Die Wohnung gleicht einem Schlachtfeld

Wenig später sind sie ausgezogen. Ich erhalte die Schlüssel und fahre zum Apartment, um es zu besichtigen. Als ich die Tür öffne, trifft mich der Schlag. Ausgezogen? Die Wohnung liegt voll mit unnützem Kruscht, dreckigen Klamotten und kaputten Möbeln. Wut steigt in mir hoch. Das Lumpenhaus macht seinem Namen alle Ehre!

Ex-Mieter bleibt stur

Ich telefoniere mit Klaus F. und fordere ihn unmissverständlich auf, seinen Müll aus der alten Wohnung zu entfernen. Er lacht mich nur aus und gibt mir zu verstehen, dass ihn das überhaupt nicht interessiert. Ich koche: „Na warte“, denke ich, „dir werde ich es schon zeigen. Schließlich weiß ich, wo du jetzt wohnst.“

Sperrmüll im Vorgarten

Ich leihe einen Transporter aus und suche mir tatkräftige Unterstützung. Gemeinsam packen wir den gesamten Müll in den kleinen Laster. Im Schutz der Dunkelheit laden wir ihn vor Klaus F.s Haustür ab. Der ganze Vorgarten steht voll!

Wer zuletzt lacht…

Ich male mir das Gesicht unseres „Freundes“ aus, wenn er morgens das Haus verlassen will. Doch er hat schon früher etwas von seiner neuen Gartengestaltung. Gerade als wir fast fertig sind, kommt er nämlich von der Arbeit nach Hause. Mit offenem Mund bleibt er vor dem Sperrmüllhaufen stehen. Ganz frech bitte ich ihn, doch beim Ausräumen der letzten Stücke mit anzupacken – was er natürlich nicht tut. 

„Ich bleibe im Bett!“

Tilmann W., Besitzer einer 4-Zimmer-Wohnung in einem Dreifamilienhaus im Herzen von Stuttgart-Vaihingen, will seinen Besitz verkaufen und hat mir die Abwicklung des Geschäfts übertragen. Ich hatte die hübsche Altbau-Wohnung, die aktuell von einem jungen Paar bewohnt wird, während der Woche bereits mehrfach mit Interessenten besichtigt. Das klappte immer reibungslos.

 

Die Tür öffnet sich einen spaltbreit

Als ich am Samstag mit Wilhelm und Martha M., gestandenen Mittsechzigern, vor der Wohnungstür stehe, bin ich daher ahnungslos. Ich hatte unser Kommen ja vorab per E-Mail angekündigt. Doch an diesem Morgen tut sich, als wir klingeln, zunächst gar nichts. Ich werde nervös. Aber dann öffnet sich die Tür einen spaltbreit. Ich erkenne einen verstrubbelten Kopf. Christoph B. schaut uns überrascht an. Augenscheinlich haben wir ihn aus dem Bett geholt. Eine E-Mail? Sie seien im Urlaub gewesen, und er habe nichts erhalten, sagt er.

 

Besichtigung im Flüsterton

Nach kurzer Rücksprache mit seiner Partnerin bittet er uns herein, gibt uns aber deutlich zu verstehen, dass seine Frau, die noch im Bett läge, nicht gedenken, sich in ihrer Routine von uns stören zu lassen. Wir könnten uns aber ruhig umsehen. Er kocht unterdessen seiner Frau einen Kaffee und geht anschließend Brötchen holen. Sie bleibt – Kaffeetasse in der Hand – einfach im Bett sitzen. Ich bin überrascht und amüsiert zugleich und führe das ebenso verdutzte Ehepaar M. flüsternd durch die Wohnung. Wir versuchen unauffällig zu bleiben, tippeln schließlich durch den Flur zurück zur Eingangstür und verabschieden uns geräuschlos.

‘NEN SCHNÄPSLE VORM NOTARTERMIN!​

Einer meiner Kunden hat eine sehr schöne kleine Wohnung in praktischer City-Lage zu verkaufen. Gemeinsam warten wir vor dem Haus auf einen Interessenten. Ob er das ist? Fahrrad, Metzgerkittel, weiße Schuhe. Er kommt direkt von der Arbeit. Das muss er sein! Sein Fahrstil: kurvenreich. Und da ist es auch schon passiert. Er bremst mit vollem Körpereinsatz und landet mitsamt Fahrrad vor uns auf dem Boden.

Wir nehmen’s mit Humor, lachen gemeinsam über das Missgeschick und besichtigen die Wohnung. Es läuft wie am Schnürchen: Der Interessent ist begeistert von den Räumen, möchte sofort kaufen und stellt schnell eine passende Finanzierung auf die Beine. Jetzt fehlt nur noch der Notartermin und der Handel ist perfekt.

„Kein Alkohol am Abend zuvor“, warne ich ihn, „sonst wird’s nichts mit der Unterschrift.“ Dass alle Beteiligten „im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte“ sein müssen, steht schließlich im Vertrag.

Meine Ermahnung wirkt. Am nächsten Morgen hole ich einen stocknüchternen Käufer für den Notartermin ab. Doch es gibt ein neues Problem. Er zittert wie Espenlaub! Jetzt ist Geistesgegenwart gefragt: Ich halte am Kiosk und kaufe ihm ein Schnäpsle. Es zeigt die erhoffte Wirkung. Unser Käufer ist in Bestform und absolviert den Notartermin mit Bravour.